von Chur bis Bern
RAILTAILS
07.03.26
oder warum man im Zug nicht essen sollte
Der Zugsitz ist unbequem. Das Handy der Dame queer gegenüber summt im 5 Sekunden-Takt. Eine schwarze Schmeissfliege hat sich ins Zugabteil verirrt und beelendet mich mit dem penetranten Ton ihres Flügelschlags. Der Militärmann neben mir stinkt nach Schweiss, trinkt Bier und isst mit seinen abgenagten Fingernägeln eine ganze Packung Speck. Das Deckenlicht spiegelt sich an seinen vor Fett triefenden Fingern. Er langt nach seiner Bierdose. Hinterlässt einen Fettfilm auf dem farbigen Alu. Streicht seine Hände an den Hosen ab, betatscht den kleinen Beistelltisch, bis das Fett langsam und zäh auch meine Hände erreicht. Mich einhüllt, mich bedeckt. Die glänzenden Überreste der toten Sau kleben im ganzen Abteil. Der Militärmann lacht. Seine Lippen schmierig.
Der Zugsitz ist immer noch unbequem. Das Handy ist mittlerweile verstummt und die schwarze Schmeissfliege kreist über einer liegengebliebenen Bananenschale. Der Militärmann schnarcht. Ich beneide ihn. Beneide seine stinkende, fettende, schnarchende, sorglose Existenz. Er breitet sich aus, beansprucht jedes Quäntchen Luft und füllt es mit dem leblosen Tier, das er inhaliert hat. Der Mann in Grün grunzt. Öffnet kurz seine Augen und wischt den Sabberfaden, der sich langsam einen Weg über sein glänzendes Kinn gebahnt hat, mit seinem fettgetränkten Ärmel ab. Grunzt ein zweites Mal. Das arme Schwein. Die letzten Zeugen, dass es gelebt hat, sind der Militärmann, die Bierdose, der Beistelltisch und ich. Er grunzt ein drittes Mal. Seine Nasenlöcher beginnen sich zu weiten, seine Haut färbt sich unnatürlich pink. Sein Bauch quillt über den Sitz auf den Boden, seine Ohren erschlaffen an der Seite seines Gesichts. Mit anmassendem Blick schaut mich die totgeglaubte Sau an. Betrachtet das Fett auf meinen Händen, der Bierdose und dem Beistelltisch. Ich will mich erklären, mich entschuldigen. Ich wars nicht! Ich blicke dieser Erscheinung aus dem Jenseits, diesem göttlichen Abbild in die Augen. Ich geh auf die Knie, bitte um Vergebung. Verspüre Bringschuld, trotz der verzerrten Tatsachen. Will ihr die Freiheit schenken, will, dass sie sich auf dem saftigen grasgrünen Feld suhlt, das gerade am Zugfenster an uns vorbeirauscht. Ich fasse einen Entschluss. Radikal. Greife nach dem roten Scheibenhammer, der oben links in einer Metallfassung hängt. Reisse ihn heraus und schlage mit einem Kampfschrei die Fensterscheibe ein.
Glas zersplittert und fällt in einem glänzenden Regen auf den Zugboden nieder. Der Fahrtwind peitscht mir ins Gesicht. Ich streiche mir die gelösten Haarsträhnen episch hinters Ohr, im Wissen, einer Sau die Freiheit zu schenken. Ich und die Sau gegen die fleischfressende, ausbeutende, fettende Gesellschaft. Ich und die Sau als Reallifeprotagonisten in “Farm der Tiere“. Heroisch blicke ich nach rechts und schaue in das Gesicht eines Zugbegleiters, der mich verständnislos anstarrt. Der Dame quer gegenüber, deren Blick geschockt zwischen mir und der kaputten Scheibe hin- und herschweift. Der schwarzen Schmeissfliege, die sich mit einem letzten nervtötenden Summ aus dem Fenster, in die verlorengeglaubte Freiheit stürzt. In ihren karierten Augen der Ausdruck purer Dankbarkeit. Neben mir brilliert der Zugsitz mit gähnender Leere. Verschwunden ist der Schweissgeruch und der faule Atem nach Bier. Ich ziehe diese fettfreie, frische, fundamental wichtige Luft tief in meine Lungen und lasse meine Atemwege vom langvermissten Sauerstoff beflügeln. Das Meer aus Glas und das Loch im Zug sind mir egal, der mittlerweile schreiende Zugbegleiter auch. Im zersplitterten Zugfenster die Reflexion einer unförmigen, riesigen, pinken Masse die sich im Kontrast zum grünen Feld abhebt. Dort spiegelt sich ein letztes Mal, meine fantastische, anmassende, pinke Sau. Der einzige Beweis ihrer einst toten, in Plastik verpackten Existenz, sind die fettigen Finger, die Bierdose, der Beistelltisch und ich.
27.03.26
Freitag, Bahnhof Chur, 19:08 Uhr
Ich sitze im Zug am Fensterplatz ganz links. Das Abteil ist zu eng, die Luft riecht nach Essen und Energydrink. Unruhig suche ich nach meinem Handy in meiner vollgestopften Tasche, die neben mir auf dem Sitz liegt. Mein Kopf ist so voll und schwer, dass ich Angst habe, er knalle demnächst auf den kleinen Tisch vor mir. Am Morgen hat unser Dozent gesagt, dass KI bis 2035 achtzig Prozent der Stellen auf dem Arbeitsmarkt ersetzt haben könnte. Am Mittag informierte mich die News-App, dass Drohnen über den Flughäfen in Dänemark und Norwegen gesichtet wurden. Wahrscheinlich die Russen. In Gaza geht der Genozid weiter, in Namibia brennt der halbe Etosha-Nationalpark, der Klimawandel scheint unaufhaltsam und in den USA hat Donald Trump eine weiter wahnwitzige Aussage getätigt. Maximale Existenzangst hat sich in jeder noch so kleinen Zelle meines Körpers festgesetzt und meinen Optimismus in seinen Grundmauern erschüttert. Überspült von einer Welle der Negativität, die sich mit viel Gewicht auf meine Brust legt. News-Deprivation scheint mir ab heute die beste Lösung. Ich beschliesse in den Boykott zu gehen!
Irgendwo zwischen Sargans und Zürich, 19:55 Uhr
Heute habe ich nebst dem bekümmernden Fakt drohender Arbeitslosigkeit gelernt, wie ich mein eigenes Startup gründe. Ich entwarf Konzepte für fiktionale Unternehmen, die es nie geben wird und arbeitete für Kunden, die ihren Ursprung in der Fantasie unserer Dozenten haben, während da draussen die Welt in Schieflage gerät und zu kippen droht.
Draussen in der Welt. Als ob die Schweiz exkludiert wäre. Als ob sie nicht zu dieser brennenden, schiefen, polarisierenden Welt gehört. Versteckt auf einem anderen Planeten, unerreichbar für alles Böse und jeden Krieg. Uns hier passiert schon nichts. Zwischen Steinmassiven, sauberen Dörfern und klarer Luft ist kein Platz für die Bürden der Welt da draussen. Alles ist gerade. Alles ist so wie immer.
Kurz vor Zürich HB, 20:20 Uhr
Ich öffne Instagram und beginne zu scrollen. Stürze mich in die Verdrängung und lasse mich von Drei-Sekunden-Reels in die Verblödung treiben. Authentische Influencer mit perfekten Morgenroutinen und Iced Matcha Latte in den Venen präsentieren ihre neusten Outfitideen. Ich scrolle weiter. Neue Todesopfer. Rund fünfhundert. Darunter zweihundert Kinder. Ich scrolle weiter. Süsse Babykatzen lernen laufen und eine Freundin ist auf Bali.
Billett bitte. Ich werde vom Doomscroling in die Realität zurückkatapultiert und wechsle von Instagram auf die SBB-App. Der QR-Code, der meine Mitreise legitimiert, erscheint schwarz auf weiss auf dem Screen. Der Kontrolleur wünscht mir einen schönen Abend und geht ein Abteil weiter. Ich beschliesse bewusst mein Handy zu verstauen und mich nicht mehr dem Sog der geistigen Verarmung hinzugeben. Ich klaube stattdessen mein weisses Notizbuch heraus und schlage eine neue Seite auf.
Und mit jedem Wort, das ich hier niederschreibe, sickert ein kleiner Teil der Negativität in das Papier und saugt sie auf. Ich schreibe. Nicht weil ich Antworten habe. Nicht weil das Schreiben die Welt geradebiegt oder den Etosha-Nationalpark löscht oder die Drohnen vom Himmel holt. Sondern weil ich der Ohnmacht und dem Weltschmerz Einhalt gebieten will, um nicht darin zu ertrinken.
04.04.26
Drei Frauen mit schlohweissem Haar und schönen Ringen steigen zu mir ins Zugabteil. Ihre Perlohrringe glänzen teuer. Vom Ausflug gehts wieder zurück nach Basel zu ihren Ehemännern, entnehme ich dem lautstarken Gespräch. Die mit dem Foulard, schickt ihren Freundinnen 30 Fotos per SMS. Fotos von heute, Fotos von ihrem Ausflug. Mit geneigtem Kopf und der Brille auf der Nasenspitze, scrollen sie durch die Momentaufnahmen und drücken mit geballter Kraft auf den Screen. Irgendwie sind alte Menschen mit Handys vergleichbar mit kleinen Kindern, die gerade laufen lernen. Sie entdecken eine Welt, die ihnen bis anhin verschlossen war. Tapsen oder tatschen mit Händen oder Füssen auf unbekanntem Terrain herum. Die mit dem Foulard will der mit den Ringen gerade klar machen, dass das Foto auf ihrem Screen vor wenigen Stunden noch ein Video war. Überzeugt sucht sie nach einem Playknopf, den es nie gegeben hat. Sie will das Video Franz zeigen, wenn sie zu Hause ist.
Franz habe heute Morgen angerufen, zweimal, wegen der Kaffeemaschine. Er wisse nicht, wie man das Wasser nachfüllt. Die Frau mit den Ringen meint, ihr Mann isst nicht, wenn sie nicht kocht. Nicht richtig zumindest. Dann stehe er vor dem offenen Kühlschrank wie ein Kind vor einem Rätsel, das es nicht gelöst haben will. Deswegen hat sie vor dem Ausflug extra vorgekocht. Die Tupperware sorgfältig übereinandergestapelt in den Kühlschrank gestellt. Aber so sei das halt mit den Ehemännern. Es ist das Aber, das seit Jahrzehnten zwischen Kochtopf und Haushalt wohnt, zwischen Organisieren und Putzen, zwischen «Ich mach das schon» und «Weisst du, wo meine Jacke ist». Ein Aber, dass noch zu einer anderen Generation gehört. Einer Generation ohne Handy, Frauenstimmrecht und unbezahlter Care-Arbeit.
19.04.26
Ich erblicke kurz vor Olten ein gelbes Haus, das sich verschwommen auf meine Netzhaut einbrennt, als der Zug mit Hochgeschwindigkeit daran vorbeibraust. Eine Erinnerung aus längst vergangenen Zeiten blitzt auf und wird aus den Tiefen meines Gehirns an die Oberfläche katapultiert.
Es ist gelb und klein. Ein alter Rosenstrauch rankt sich um das Gestell an der alten Holzfassade empor. Wenn ich meine Augen schliesse, rieche ich den aufkochenden Kaffee in der kleinen Küche auf dem Herd und das Frische Brot, dass auf dem Tisch im Garten steht. Es ist Sommer. Ich bin klein. Meine Haare noch wild gelockt und strohblond. Die blaugelbe Fahne entfaltet sich im Wind, der vom Meer her weht. In meiner Erinnerung ist vieles Gelb. Das Haus mit der gelben Holzfassade, die gelbe Fahne, das gelbe Gras, der gelbe Sand, die gelbe Sonne und mein gelbes Gefühl. Ich möchte diese Erinnerung exzessiv inhalieren. Sie fühlen. Noch einmal klein sein, gelb sein.
Sie ist schwarz und glänzt in der Sonne. Die Amsel hüpft über die verdorrten Grashalme im Garten. Meine Grosstante mit den pinken Bigoudis in ihrem graublonden Haar, erzählt mir, der Vogel sei mein Urgrossvater. Täglich besucht er sie. Die Amsel oder eben mein Urgrossvater, meine Grosstante und ich befinden uns in Südschweden.
Der schwedische Sommer kann kühl und nass sein. Dann riecht die Luft nach Salzwasser und nasser Erde. Ich stehe mit meiner dunkelblauen Regenjacke am weissen Strand und blicke auf das aufgewühlte Meer hinaus. Die grauen Wellen brechen schäumend und spülen immer mehr Algen an Land. Links von mir steht der grosse Leuchtturm. Seine rötlichen Backsteine leuchten an stürmischen Tagen gegen das graue Wetter an. Mein Ururgrossvater, noch nicht in seiner Amselform, ist dort geboren und aufgewachsen.
Da erblicke ich den Vogel wieder. Er sitzt auf einem dünnen Birkenzweig und schaut mich mit seinen gelben Augen an. Sein Gefieder ist pechschwarz, wie die Wolken, die am Himmel in schnellem Tempo vorbeiziehen. Ich hebe meine Hand zum Gruss. In meiner Erinnerung winkt er zurück.
Die Reminiszenz an vergangene Zeiten und meinen toten Urgrossvater verbleicht und ich verstaue sie zurück in mein gedankliches Archiv um sie vielleicht beim nächsten gelben Haus, das ich sehe, wieder hervorzuholen.
03.05.26
Jede Sekunde zieht sich so zäh in die Länge wie der geschmacklose Kaugummi, den ich seit zwei Stunden im Mund habe und längst in den Müll schmeissen sollte. Heute ist Sonntag, das Wetter unschlüssig, ob es regnen oder die Sonne scheinen soll, und meine Motivation, drei Stunden im Zug zu sitzen, klein.
Ich blicke aus dem Fenster. Die Landschaft zieht vorbei wie ein Film, bei dem ich genau weiss, welche Szene auf die nächste folgt. Felder, Dörfer, ein Kreisel, ein Baumarkt, wieder Felder, eine Stadt und bald werden die Glarner Berge den Zürichsee ablösen. Und doch. Die Wiederholung ist beruhigend. Die Verlässlichkeit der Landschaft. Das Versprechen, dass nach dem Baumarkt wieder Felder kommen und nach den Feldern die Berge und nach den Bergen irgend einmal Chur.
Ich entsorge meinen Kaugummi.
Zweimal die Woche sitze ich im Zug zwischen Bern und Chur. Drei Stunden hin, drei Stunden zurück. Irgendwann habe ich aufgehört, die Zeit totzuschlagen, und angefangen, sie aufzuschreiben. Railtails ist im Rahmen des MMP-Studiums an der Fachhochschule Graubünden entstanden, als freies Projekt im Modul Digezz. Ein digitales Gedankenschloss, in dem ich Ängste, Sorgen und Erinnerungen teile.
«Fett»
07.03.26
«Notizen gegen die Ohnmacht»
27.03.26
«Die Aber-Generation»
04.04.26
«Gedankenarchiv»
19.04.26
«Die Verlässlichkeit des Monotonen»
03.05.26
Lisa Björk
lisa.bjoerk@stud.fhgr.ch
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